Kirsten Kötter

Aby Warburg und eine schwarze Lederjacke

ABY WARBURG – Bilderatlas Mnemosyne, HKW – Haus der Kulturen der Welt, Berlin,

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Der große Ausstellungsraum im HKW: Schwarze Tafeln mit unterschiedlich großen Abbildungen von Grafiken und Gemälden. Dem Kunsthistoriker Aby Warburg (1866-1929) dienen die Bilder als Hinweis eines kulturellen Austausches. Ideen und Bilder "wanderten" zu unterschiedlichen Zeiten und variierenden Wegen aus Asien über arabische und persische Länder nach Europa. Dies kann er mit den Bildern der Tafel aufzeigen. Die Bilder einer Tafel weisen visuelle Gemeinsamkeiten auf. Jede Tafel ist ein Denkraum für eine kunsthistorische These. Die Anordnung der Bilder auf der Tafel folgt dem jeweiligen Gedanken und zeigt die Bilder in "Wolken" oder Reihen. Heute ist uns dieses visuelle Präsentieren von Suchmaschinen wie Google vertraut. Die Namensgeberin Mnemosyne ist die griechische Göttin der Erinnerung. Erinnerung findet hier doppelt statt: Der Bildatlas hilft Aby Warburg sich zu erinnern. Der Bildatlas zeigt aber ebenso auf, wie sich frühere Menschen an visuelle Vorbilder erinnerten und diese nachahmten. Dieser "Bilderatlas Mnemosyne" ist das Spätwerk des Kunsthistorikers Aby Warburg (1866–1929). Da der "Bilderatlas Mnemosyne" nicht mehr von Aby Warburg selbst vor seinem Tode fertig gestellt werden konnte, dauerte es bis zu dieser Ausstellung, dass der Bilderatlas in dieser Form rekonstruiert und präsentiert werden kann. Neu und besonders ist, dass die zwei Kuratoren der Ausstellung, Roberto Ohrt und Axel Heil, im Archiv des Londoner Warburg Instituts, nach den originalen Bildern fahndeten, so wie sie Aby Warburg damals benutzt hatte.

Die charismatische Person Aby Warburg ist mit vielen Legenden und Geschichten verknüpft. Er ging in der Kunstgeschichte neue Wege, verband unterschiedliche Kulturwissenschaften – er arbeitete sogar an ethnologischen oder kulturanthropologischen Projekten in der USA. Er suchte nach den Ursprüngen und Unmittelbarkeit. Er lebte länger in Florenz, war international tätig, hielt Vorträge und veröffentlichte Aufsätze und Bücher. Nicht alle seine Texte aber konnten veröffentlicht oder aus dem Deutschen übersetzt werden. Viele Teile seines Nachlasses bestanden lange aus Zetteln und Notizen.

Die kunsthistorische Disziplin der Ikonologie und Ikonographie, die den Weg untersucht, den Bilder durch Kultur und Zeit nehmen, so wie ihre sich wandelnde Bedeutung hat Aby Warbug mit geformt. Bücher und Lesen waren Aby Warburgs Leidenschaft. Auch Bilder "las" er. Der Informationsgehalt interessierte ihn: Was ist dargestellt? Wie ist es dargestellt? Er erkannte, dass Bilder meistens frühere Bilder zitieren, dass sich Bildformeln über Jahrhunderte erhalten. Und dass die eine Kultur die andere Kultur zitiert. Antike Darstellungen kamen von Persien über Arabien und Italien im Mittelalter und die Renaissance wieder nach Europa. So dass die Kunst der Antike in vielen Zitaten über Mittelalter und Renaissance bis heute bei uns fortlebt. Aby Warburg gilt als Mitbegründer des kunsthistorischen Forschungszweigs der Ikonologie und Ikonographie, die solche Verbindungen untersucht. Aby Warburg ist ein Ausnahmewissenschaftler. Die Ikonologie hat auch für andere Ausnahmewissenschaftler ein Anziehungskraft.

Die schwarze Lederjacke gehörte auch einem Kunsthistoriker. In den 1980er Jahren kam der Kunsthistoriker Johann Konrad Eberlein so lange in einer Lederjacke ins Kunsthistorische Institut Frankfurt am Main, bis ihm vom Institut nahegelegt wurde, dies nicht mehr zu tun. Es war eine einfache am Körper anliegende gerade geschnittene Lederjacke, wie sie einige Jahre zuvor Ende der 1970er Jahre zur Zeit der grünen Parkas, Sweatshirts, Jeans und Bärten noch denkbar gewesen ist. Es wäre eine Arbeiter-Lederjacke gewesen, hätten Arbeiter Lederjacken getragen. Vielleicht hätte sie noch von Fassbinder sein können. Schon diese Lederjacke brachte damals frischen Wind in das traditionelle kunsthistorische Institut Frankfurt am Main herein. Realismus. Eberlein arbeitete mit der Methode der Ikonologie. Es war eine kleine Gemeinde von den immer gleichen Leuten, die sich in seinen Seminaren sammelten. Und auf Festen und Exkursionen. Ein Sammelbecken für viele, die in den herkömmlichen Kunstgeschichtsbetrieb nicht so recht passten. Auch Eberlein war eine Ausnahmeerscheinung im kunstgeschichtlichen Betrieb. Einen Kunsthistoriker, der mit Ikonologie und Ikonographie arbeitete und eine Ausnahmeerscheinung war, möchte ich noch als weiteres Beispiel benennen: Otto Karl Werkmeister kombinierte den ikonographischen und ikonologischen Ansatz mit marxistischer Deutung – das ist für das Fach Kunstgeschichte wirklich außergewöhnlich. So steht die schwarze Lederjacke für mich für eine schwarze und andere Seite der Kunstgeschichte: Mit der man scheitern kann, mit der man es schwer hat. Die aber viel interessanter ist als der normale Weg.

Abbildung Haus der Kulturen der Welt: Aby Warburg (Mitte) mit Gertrud Bing und Franz Alber vor Warburgs Tafelentwürfen, Rome, Palace Hotel, Mai 1929
Abbildung Haus der Kulturen der Welt
Aby Warburg (Mitte) mit Gertrud Bing und Franz Alber vor Warburgs Tafelentwürfen, Rome, Palace Hotel, Mai 1929
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Kurze ergänzende Informationen

Aby Warburg

Wichtig ist auch noch die legendäre Person Aby Warburgs. Deshalb hier nur kurz einige Legenden:
Dass Aby Warburg Kunstgeschichte studieren durfte, gelang ihm nur dank seines starken Willens. Eigentlich hätte Aby Warburg als ältester Sohn Bankier werden und das Hamburger Bankhaus Warburg übernehmen sollen. Dank Aby ist der Name Warburg nicht nur mit Bankgeschäften, sondern auch mit vielen legendären Geschichten verknüpft. Die Legende sagt, dass der 13-jährige Aby sein Erstgeborenenrecht als ältester Sohn an den 12-jährigen Bruder Max "verkaufte", wenn ihm dieser sein Leben lang alle Bücher kaufen würde, die Aby haben wollte. Entstanden ist die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg, zunächst in Hamburg. 1933 wurde die Bibliothek, die als "jüdische Institution" von den Nationalsozialisten angegriffen wurde, nach London transferiert. Aby Warburg heiratete eine Künstlerin – auch dies gegen den Willen der Familie – und hatte drei Kinder. Er sagte über sich: Jude von Geburt, Hamburger im Herzen, im Geiste ein Florentiner. Mit seiner Familie lebte er mehrere Jahre in Florenz. Warburg suchte nach einer neuen, unverkitschten Form der Kunstrezeption. Die Suche nach den Ursprüngen ließ ihn sogar einen Abstecher in die Ethnologie oder Anthropologie unternehmen, z. B. bei den Hopi in Arizona, USA. Aby Warburg ist also ein besonderer Mensch, der immer die Grenzen sprengen wollte, die ihm auferlegt schienen. Der wissenschaftliche Disziplinen verband zu einer Kulturwissenschaft. Der durchstoßen wollte zum Eigentlichen. Der immer wieder von Depressionen geplagt war und sich nach Ende des Ersten Weltkrieges zeitweise in einer psychiatrischen Klinik aufhalten musste.

Ikonologie und Ikonographie in kurzen Worten

Was Aby Warburg in seiner Forschung interessierte, war die Entwicklung von Bildern: Wie ist etwas dargestellt und warum? Gibt es eine Tradition? Ein Zitieren von etwas, was allgemein bewundert wird? In Kurzform und einfachen Worten ist hiermit der kunsthistorische Forschungszweig der Ikonologie und Ikonographie beschrieben, der von Aby Warburg entwickelt wurde.

Zur Ausstellung

Ausstellungsraum 1: Der große abgedunkelte Ausstellunsraum des HKW voller schwarzer Tafen, auf denen sich Abbildungen von Gemälden und von Grafiken angeordnet finden. Die Bildtafeln haben Nummern. Wir erleben mit der Ausstellung "Aby Warburg – Bilderatlas Mnemosyne" einen wissenschaftlichen Ansatz, der hundert Jahre vor dem Computerzeitalter die Ästhetik der Google-Bildersuche vorwegnimmt. Es ist spannend und mutig, eine solche Ausstellung zu machen. Erschlossen wird sie nur über ein Abbildungsverzeichnis und einen Audioguide, der aber nur mit Smartphone oder Computer zugänglich zu sein scheint.

Kuratoren der Ausstellung

Roberto Ohrt und Axel Heil
in Zusammenarbeit mit dem Warburg Institute London: Bill Sherman, Leiter, und Claudia Wedepohl, Archivarin

Kirsten Kötter,

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